Die ökologische Kernursache aller Eskalationen

Teil 1: Das instabile Fundament der Zivilisation

Weil mit der Corona-Pandemie und dem Krieg in Osteuropa kurz hintereinander zwei scheinbar ganz verschiedene Krisen für spürbare Folgen sorgten, weicht nun auch auf der „Wohlstandsinsel” Mitteleuropa der bisherige naive Optimismus einer neuen Qualität der Verunsicherung. In Medien und Diskussionsforen wird eine wachsende Ahnung dahingehend erkennbar, dass das System der Zivilisation ziel- und orientierungslos auf einen selbstverursachten Kollaps zutreibt. Und dass dies nicht so sein wird wie ein spannender Untergangsfilm, den man sich gemütlich auf der Couch sitzend im Fernseher anschauen kann.

Aufmerksame Leser der Publikationen des ZEIS Verlages konnten bereits seit einigen Jahren erkennen, dass in naher Zukunft ein in anderen Regionen der Erde schon weit vorangeschrittener Zerfall der ökologischen und zivilisatorischen Strukturen auch die bisherigen Wohlstandsinseln erreichen wird. Die genauen Details dieses Prozesses ließen sich zwar nicht voraussehen, so ähnlich wie es unmöglich ist, die genaue Formbildung einer aufziehenden Gewitterwolke vorauszusehen. Aber vieles, wie etwa eine von China ausgehende Pandemie oder das Näherkommen der in anderen Kontinenten schon laufenden Kriege um Nahrung und Wasser, wurde bei uns sogar bis in Einzelheiten hinein prognostiziert.       

In nächster Zeit wird es zu vielen weiteren Eskalationen kommen, die bis in die Wohlstandsinseln durchschlagen und diese zunehmend erschüttern. Und irgendwann könnte dort dann die grundsätzliche Frage entstehen, ob es bei diesem scheinbar chaotischen Geschehen so etwas wie eine konkrete kausale Kernursache gibt. Denn wenn dem so wäre, dann läge in dem tiefen Aushebeln derselben vielleicht eine Chance, den destruktiven Prozess anzuhalten. Anstatt also die wie aus einer Hydra sprießenden Äste des Übels mit ihren vielen verschiedenen Symptomen zu bekämpfen, würde die Wurzel des Ganzen gekappt werden.  

Tatsächlich gibt es diese konkrete kausale Kernursache. Sie zu identifizieren eröffnet zwar keinen unmittelbaren Weg zur ihrer direkten Aushebelung. Aber es entsteht eine Orientierung, durch welche die von ihr ausgehenden Eskalationen sukzessive ausgetrocknet werden könnten. Die eigentliche Kernursache aller Eskalationen wird in unseren Publikationen vielfältig behandelt. Folgend soll sie trotzdem noch einmal kurz reflektiert werden. Und anschließend in den Teilen 2 und 3 dieser Serie wird die von ihr ausgehende kausale Verästelung an den Beispielen des Krieges in der Ukraine und der Corona-Pandemie verfolgt.   

Die kausale ökologische Kernursache aller Eskalationen lässt sich unbestreitbar feststellen

Zum Erkennen der besagten Kernursache aller aktuellen Eskalationen muss zunächst die Entstehungsgeschichte jenes Systems reflektiert werden, welches wir „Zivilisation“ nennen. Diese Geschichte begann mit der sogenannten „Neolithischen Revolution“, womit der kulturelle Übergang von den Jägern und Sammlern hin zu den Ackerbauern und Tierhaltern bezeichnet wird. Es handelte sich um eine drastische ökologische Zäsur, die wahrscheinlich vor etwas über 10.000 Jahren erstmals im heutigen Nahen Osten einsetzte und vor rund 5000 Jahren die meisten Menschen auf dem europäischen Kontinent erreicht hatte. Neben jener im Nahen Osten gab es weitere neolithische „Keimzellen“, darunter im heutigen Staatsgebiet Chinas und in Mittelamerika.  

Der Begriff „Ökologie“ benennt in seiner Kernbedeutung die Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Lebensformen. Und die „Neolithische Revolution“ war eine radikale Veränderung der Wechselbeziehungen zwischen den Menschen und anderen Lebensformen. Während die reinen Jäger und Sammler des Lithikums zur Nahrungsbeschaffung ausschließlich frei evolvierende, frei geborene und frei existierende Tiere und Pflanzen erlangten, bestand der Wandel hin zum Neolithikum darin, die Nahrungsorganismen durch die Lenkung ihrer Evolution über Generationsfolgen hinweg zu züchten und sie in jeder möglichen Form lebenslang zu unterwerfen. Und genau das ist von heute rückblickend die kausale Kernursache aller Eskalationen. Sämtliche anderen denkbaren Teilursachen sind ihr nachrangig. 

Ohne Landwirtschaft lag die Zahl der Menschen im einstelligen Millionenbereich

Die vorrangige und argumentativ unbestreitbare Kausalität ergibt sich bereits dadurch, dass ohne den Beginn des gezielten Eingriffs in die Evolution anderer Lebewesen und ihre dauerhafte Unterwerfung die Anzahl der Menschen auf dem Planeten heute höchstens im kleinen zweistelligen Millionenbereich liegen könnte. Die meisten paläodemografischen Schätzungen der Zahl der Menschen auf der gesamten Erde vor der „Neolithischen Revolution“ belaufen sich auf drei bis sechs Millionen Individuen [1][2]. Dies passt in etwa zu anderen Spitzenprädatoren. Wenn man also zum Beispiel recherchiert, wie viele große Landraubtiere es (artübergreifend) im Verlaufe der vergangenen Jahrmillionen vor dem Aufkommen des Homo sapiens zusammengerechnet jeweils zeitgleich auf allen Kontinenten gegeben haben wird, so ist dies zwar nur grob möglich, aber man landet tatsächlich in einem Bereich von einstelligen oder kleineren zweistelligen Millionensummen. Und die jagenden und sammelnden Menschen waren unzweifelhaft räuberische Spitzenprädatoren.

Der Grund für die relativ begrenzte Anzahl von Spitzenprädatoren in einem Ökosystem ist einfach und er lässt sich auch für den Menschen gut nachvollziehen. Die von den Jägern und Sammlern aus freien Organismen generierte Nahrungsmenge hätte niemals so schnell und zunächst dauerhaft so stark ansteigen können, wie es passierte, nachdem die Menschen mit Zucht und lebenslanger Unterwerfung anderer Spezies begonnen hatten. Es gab zwar auch für die Jäger und Sammler oft saisonal üppige Phasen, in denen bestimmte freie Pflanzen und Tiere leicht erlangt werden konnten und ein großer potenzieller Nahrungsüberschuss vorlag. Aber insgesamt existierten die Menschen angepasst an die natürlichen und somit freien Lebenszyklen der anderen Spezies und darin sind eben keine solchen exponentiellen Vermehrungen und ständigen Verfügbarkeiten vorhanden, wie sie durch Ackerbau und Tierhaltung entstanden.  

Die Methode der Landwirtschaft ist also das eigentliche Fundament des Systems der Zivilisation in seiner Gesamtheit. Erst auf der Grundlage der mit ihr verbundenen festen Sesshaftwerdung entstanden im Nachgang etwa Schriften und Mathematik sowie die vielfältigen Technologien. Diese Errungenschaften wurden insbesondere auch zur immer weitergehenden Steigerung der Produktivität der landwirtschaftlichen Methodik verwendet. Das begann vor Jahrtausenden mit Bewässerungsgräben und Pflügen und es führte bis heute zur Entwicklung von digital automatisierten Systemen. Durch den Prozess der Ertragssteigerung durch technische Verfahren sind die aktuellen Methoden der Intensivlandwirtschaft hinsichtlich ihrer Produktivität jenen aus früheren Jahrhunderten um das Vielfache überlegen. Das ist die Ursache der zuletzt enormen Vergrößerung der Zahl der Menschen auf dem Planeten.

Die Methodik der Landwirtschaft wurde nie grundlegend hinterfragt

Eines ist in dieser gesamten Zeitspanne von der „Neolithischen Revolution“ bis zur heutigen industriellen Intensivlandwirtschaft fast nie geschehen: Nämlich zu hinterfragen, ob es bei der Methodik der Zucht und lebenslangen Unterwerfung anderer Lebensformen vielleicht irgendeinen grundsätzlichen Haken geben könnte. Sicher wäre so etwas auch nicht leicht gewesen, denn dieses Hinterfragen hätte die Gefahr einer schmerzhaften Erschütterung des zivilisatorischen Selbstverständnisses eröffnet.

Das zivilisatorische Kollektiv wählte deswegen den umgekehrten Weg: Über Jahrtausende hinweg dachte man sich zum Beispiel angebliche Gottesbefehle aus, in denen die Unterwerfung und Beherrschung der anderen Lebewesen sogar ausdrücklich angeordnet wird. Oder man erfand philosophische Konzepte, nach denen von vorneherein nur ein Mensch richtig frei sein könne, nicht aber die anderen Lebewesen. Rückblickend waren diese phantasievollen und oft ziemlich naiven Zurechtbiegungen der Realität äußerst fatal. Denn der Prozess einer echten Aufklärung wäre zwar tatsächlich unangenehm und schmerzhaft gewesen. Aber er hätte die zunehmend beschleunigte Fahrt hinein in eine evolutionäre Sackgasse abbremsen oder vielleicht sogar umkehren können.

Dass es sich bei der Landwirtschaft nämlich um eine solche Sackgasse handelt, wird unter anderem in der Theorie von Charles Darwin deutlich erkennbar. Deren Kern bestand darin, dass in der gesamten Natur die evolutionäre Fortentwicklung der Merkmale aller Spezies immer zum eigenen vorrangigen Nutzen verläuft, niemals hingegen zum vorrangigen Nutzen einer anderen Lebensform. Der Mensch tue somit etwas, das von den fundamentalen Ordnungen der Natur abweiche.

Eine der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten, die wir an unseren kultivirten Rassen wahrnehmen, ist ihre Anpassung nicht an der Pflanze oder des Thieres eigenen Vortheil, sondern an des Menschen Nutzen und Liebhaberei.” Charles Darwin [3]

Der Grund für das Fehlen solcher Beziehungen in der Natur liegt nicht darin, dass die natürlichen Prozesse zu primitiv seien, als dass solches hätte entstehen können. Sondern er liegt darin, dass die nicht zum eigenen vorrangigen Nutzen verlaufende evolutionäre Ausrichtung automatisch zur Schwächung der Beständigkeit gegenüber den vielen natürlichen Einflüssen und somit in eine evolutionäre Sackgasse führen muss. Deswegen wurde noch nichtmal in der modernen Mikrobiologie mit ihren Millionen Beschreibungen verschiedenster parasitärer Beziehungen rund um Viren und Bakterien jemals auch nur ein einziges Beispiel gefunden, durch das sich die Theorie Darwins widerlegen ließe.

Die Hauptaussage der Theorie Darwins wurde nie ernsthaft beachtet  

Wäre die Essenz der Theorie des englischen Forschers ernsthaft beachtet worden, so hätte es im 19.Jahrhundert durchaus eine erste Aufklärung geben können, die diesen Namen auch verdient. Viele katastrophale Fehler rund um die immer weitergehende Intensivierung der fehlerhaften Methodik hätten vermieden werden können. Da es aber keine solche Aufklärung gab, wurde stattdessen sogar jede greifbare Chance zur Intensivierung genutzt. Ab den 1950er Jahren kam es nicht zuletzt durch die Züchtung sogenannter „Hochleistungsgetreide“ sowie der Entwicklung hocheffizienter Pestizide zu einem nochmaligen explosionsartigen Anstieg der global generierten Nahrungsmenge und folglich der Populationsgröße von damals zweieinhalb auf heute fast acht Milliarden Menschen. Andere förderliche Faktoren dieses Anstiegs, wie Verbesserungen in medizinischer Versorgung und Hygiene, sind dem Kernfaktor der Intensivierung der Landwirtschaft und somit des eigentlichen Fundaments der Zivilisation nachrangig.

Dass auch solche aktuellen Eskalationen wie der Krieg in der Ukraine und die Corona-Pandemie untrennbar mit der besagten ökologischen Kernursache zusammenhängen, lässt sich also zunächst dadurch feststellen, dass es sie bei einer wesentlich geringeren Zahl an Menschen so nicht hätte geben können. Diese Feststellung mag wie eine stark überzogene Simplifizierung wirken. Doch hinsichtlich der gesuchten Kausalität ist sie trotzdem unbestreitbar richtig. Nur darauf kommt es an, wenn es um die Identifizierung der wirklichen Kernursache geht.

Die detaillierte Reflexion einzelner solcher Eskalationen macht aber auch über den Aspekt der Anzahl der Menschen hinaus ein fein verzweigtes Netz aus oft hochkomplexen, miteinander in Wechselwirkung stehenden Kausalketten sichtbar, deren einzelne Glieder über scheinbar völlig verschiedene Themenbereiche letztlich immer eng mit der ökologischen Kernursache verflochten sind. Um dies nun auch an praktischen Beispielen zu zeigen, werden in den nächsten beiden Teilen die brandaktuellen Eskalationen des Krieges in der Ukraine sowie der Corona-Pandemie entsprechend reflektiert.

Am Ende des dritten Teiles ist dann noch ein abschließendes Fazit der Serie angefügt. Darin geht es auch um einen wahrscheinlichen Trugschluss dahingehend, dass doch der wie auch immer ablaufende Kollaps der Zivilisation das Beste wäre, was im Sinne des irdischen Ökosystem passieren könnte. Denn der „Kollaps” wäre wahrscheinlich kein plötzliches Aussterben der Menschen. Eher würde ihm ein globaler Slum” folgen, in dem die Menschen über weitere Jahre oder Jahrzehnte ohne jegliche Rücksicht nicht nur fortschreitend sich selbst, sondern auch das höhere Leben des Planeten insgesamt vernichten. Die Aufklärung und ein aus ihr entstehender geordneter Rückbau wäre deswegen der einzige vernünftige Ausweg.

Weiter zu Teil 2: Der Krieg in der Ukraine

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1066248/umfrage/geschaetzte-entwicklung-der-weltbevoelkerung/
[2] https://www.wissen.de/bildwb/bevoelkerungsentwicklung-rasantes-wachstum
[3] Charles Darwin: Uber die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begunstigten Rassen im Kampfe um’s Dasein. E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1876, Seite 49.